
Wirkungsraum Boden – Nachhaltige Landwirtschaft
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Wir denken bei Raum meist an bebaute Fläche. An unser Zuhause, an Bürogebäude oder vielleicht auch noch an öffentliche Orte, wie einen Marktplatz oder den Bahnhof. Aber unter all diesen bebauten Flächen ist eines: der Erdboden. Ich stelle es mir vor, wie ein Puzzle: Stück für Stück wird der freie Boden verteilt und zugepuzzelt. Mit Beton, Asphalt und auch mit Landwirtschaft. Letztere lässt den Boden immerhin frei und nutzt die Erde, ohne sie zuzubauen.


Aber ist das wirklich so? Ich habe mich auf ein Feld begeben, um mich mit Jochen Voigt über Boden zu unterhalten. Jochen hat bereits 1989 einen Bio-Gemüsebetrieb mit Direktvermarktung in Syke-Gessel gegründet, was damals noch eine Seltenheit war. 2001 schloss er sich mit Heinz-Jürgen Michel zusammen, der in Oldenburg den Bio-Lieferkistenservice „frischeKiste“ gegründet hat, den sie dann in Syke ansiedelten. Inzwischen haben sie rund 33 Mitarbeitende und liefern wöchentlich rund 1300 Kisten an Kundinnen und Kunden sowie zahlreiche Schulen im Großraum Bremen aus.


Jochen ist dabei wichtig, dass bei dem Gemüse, was sie verkaufen, ein Anteil aus eigenem Anbau stammt. 2016 pachteten sie eine 5,85 ha große Anbaufläche in Syke-Leerßen hinzu. Nach der zweijährigen Umstellungszeit von konventionellem zu biologischem Anbau nutzen sie diese jetzt für den Gemüseanbau. Ungefähr 10% des Gemüses können sie dadurch heute aus eigenem Anbau anbieten.


Auf diesem Feld stehen wir nun. Es ist kalt, als wir auf das umzäunte Areal gehen. Und ich wundere mich als Erstes über die ungewöhnliche Aufteilung der Felder. Anstatt der üblichen großen einheitlichen Fläche, wird hier mit langen schmalen Streifen gearbeitet, auf denen unterschiedliche Gemüsearten nebeneinander angepflanzt werden. Die Fruchtfolge wandert dann nach und nach von rechts nach links. Zwischendurch wird immer wieder Klee zur Bodendüngung gepflanzt, der Stickstoff aus der Luft im Boden bindet. Das meiste ist jetzt im beginnenden Winter bereits geerntet, aber auf einem Feld stehen Reihen von stattlichen Grünkohlpflanzen. Es sieht aus wie ein Wald für Zwerge. Neben dem Grünkohl ist ein Streifen mit verblühten Blumen. Jochen erklärt: Das ist ein Blühstreifen mit der sogenannten Hannover-Mischung. Sie soll gegen eine Fliege helfen, die den Grünkohl befallen kann. Beim Verband Bioland gibt es versierte Berater, die immer gute Tipps und neue Ideen haben. Und auch unter Kolleginnen und Kollegen würden sie sich austauschen, so Jochen. Denn Bio-Landwirtschaft ist auch Trial-and-Error und viel ausprobieren. Dazu zählt, mit dem Boden zu arbeiten und nicht gegen ihn. Das erfordert viel Kenntnis und Sensibilität, da die Bodenbeschaffenheit wenige Flurstücke weiter schon ganz anders sein kann.


Das sehe ich, als wir später zu einem anderen Stück Land fahren, was zur frischeKiste gehört: Oben bei der Gemüsefläche war es ein lehmiger Boden und hier unten ist plötzlich lockere dunkle Erde.
Auch wenn er und seine zwei Kolleginnen, mit denen er den Anbau verantwortet (eine davon seine Tochter), noch mittendrin sind in der Ausweitung des eigenen Anbaus, so ist Jochen gedanklich bereits einen Schritt weiter. „Ich habe mich in letzter Zeit viel mit der Historie und den Grundprinzipien der Landwirtschaft beschäftigt und aus meiner Sicht, machen die Monokulturen keinen Sinn mehr und haben eigentlich auch nie Sinn gemacht“. Eine Vielfalts-Kultur mit verschiedenen Früchten, Sträuchern und Bäumen auf einer Fläche erbringe in der Summe höhere Erträge, auch wenn die Erträge der einzelnen Kulturen geringer sind. Sie sei stabiler, widerstandsfähiger und viel schöner als eine Monokultur von z.B. Getreide oder Kartoffeln. Die positiven Effekte von Symbiosen können gut genutzt werden.


Ich bin doch überrascht, denn schließlich kenne ich keine andere Art von Landwirtschaft als riesige Weizen-, Mais- oder Kohlfelder. Was soll denn die Alternative sein, frage ich ihn? Jochen Voigt: „Ich stelle mir eine Art Waldgarten vor – also ein Agroforst-System. D.h. es werden erstmal Bäume, Baumreihen, Sträucher und Stauden gepflanzt. Dazwischen können wir zunächst ganz normal weiterwirtschaften. Nach einigen Jahren gehen dann die zusätzlichen Erträge los, wie Obst, Beeren, Nüsse u.a. Wir könnten diese wie bisher über die frischeKISTE in die Stadt bringen. Oder wir versuchen, ein System von Solidarischer Landwirtschaft zu entwickeln, in dem die Leute mitmachen und ihren Bedarf selbst ernten können. Natürlich könnte man auch Überschüsse an den Großhandel geben. Das muss aber immer mit großer Wertschätzung und fairen Preisen verbunden sein. Stadtferne Regionen müssen auch in Zukunft über ein Handelssystem die Leute in den Städten versorgen. Die Aufgabe ist, alle Menschen zu ernähren, dabei gleichzeitig den ökologischen Zustand der Landschaft zu verbessern und den Verschleiß fossiler Ressourcen zu reduzieren. Die Wasserversorgung muss stabilisiert werden, Abfälle müssen reduziert und schadlos recycelt werden. Das Land soll dann auch noch zur Erholung und Freizeitnutzung der Städter:innen dienen.“



Wir laufen gerade zu den Schafen, die friedlich zwischen einem Bach und Bäumen grasen. Ein Waldgarten klingt schön, finde ich. Wobei mir mit einem Blick auf unser gängiges Konsumverhalten klar ist, dass es ein dickes Brett ist, was es zu bohren gilt, bevor wir in der Landwirtschaft so weit umdenken. Wie so oft, bestimmen auch wir als Verbraucherinnen und Verbraucher diesen Prozess wesentlich mit. Dazu gehört, bequeme Gewohnheiten zu überdenken, wie Obst und Gemüse, was jahreszeitlich unabhängig zu Verfügung zu stehen hat, oder das ganze Convenience Food.



Dazu kommt, dass aktuell überhaupt einmal gerade 9,6 % der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche ökologisch bewirtschaftet wird (Quelle: Umweltbundesamt https://www.umweltbundesamt.de/daten/land-forstwirtschaft/oekologischer-landbau#okolandbau-in-deutschland). Erstmal muss hier ein weiteres Umdenken stattfinden und es den Höfen möglich gemacht werden, auf Bio umzustellen. Die breite Akzeptanz, dann noch ein paar Schritte weiter zu denken und auf Misch-Anbau zu setzen, wird sicher viel Überzeugungsarbeit bedeuten und eine Veränderung in unser aller Köpfe nötig machen.


Umso wichtiger sind Menschen, wie Jochen, die Systeme hinterfragen und den Mut haben, neue Wege zu gehen. Seine Begeisterung für die Natur und den Boden ist auf jeden Fall ansteckend:
„Es geht um die Pflanzen und die Pflege der Flächen, den Rest besorgt die Natur dann ganz von selbst. Auch beim Boden ist es mir wichtig, ihn nicht nur als Fläche, sondern als dreidimensionalen Raum mit großer Tiefe zu begreifen, und die unendlich komplexen Systeme und Lebensgemeinschaften, die darin wirken, wenigstens ansatzweise zu verstehen.“

Jochen Voigt freut sich über Fragen und Diskussionsbeiträge an seine Mailadresse jochen@frischekiste.de
Die Fotografin
Die wunderbaren stimmungsvollen Fotos hat meine Freundin und Kollegin Jo Wahlers gemacht, mit der ich bereits einige Kreativ-Workshops und Ausstellungen gemeinsam veranstaltet habe. Jo ist Ärztin und Künstlerin. Mehr zu ihren Arbeiten unter www.jowahlers.de.